julius schittenhelm - ich bin kein volk
"Geboren 1926 in Kiel, aufgewachsen in München. Volksschule, Realgymnasium. Mit 17 zur Marine, dann Infanterie. Mit 18 kurzer Fronteinsatz, Gefangenschaft. Notabitur, Chemiestudium, Studentenschnelldienst. Rhythmus-Gitarrist in den Schwabinger Nachtlokalen der 50er Jahre. Studium nicht beendet. Die Folge: Rumprobieren, was kann man alles lernen? Autogenschweissen, Kupfertreiben, Holzschnitzen, Schreinern, Schmieden, meistens autodidakt aus Büchern. So also allerlei Kunst und Handwerk mit einer Werkstatt in Schwabing. Auftritte mit spöttischen, Dada-nahen Liedern im Duo mit Doris. Programm: Popornopolitophonie. Immer mal als Tontechniker unterwegs, auch in NewYork, in Warhols Factory. 1971 als Auftrags-Produzent für OHR/Metronom mehrere LPs deutscher Rock-Gruppen aufgenommen. Ab 1976 mit schrägen Gitarreakkorden zu politisch-filosofischen Texten on the road. Mitbegründer des Independent-Labels SCHNEEBALL, drei eigene LPs: ARISTOTELES, MÜLLMUTANTEN, RUNDSCHLAG. Erzwungener Umzug in die Mitte von Deutschland, Renovierung eines alten Fachwerkhauses. Später vierhändiges Formen von Acrylglas-Lichtobjekten. 2000 CD QUARKS BIS ETHIK mit Klavierbegleitung. Malereien danach, auf alten Balkenstücken. Forschungen mit Sythesizern, Sequencern, Elektronik. Und die diversen Altersgebreste, vermischt mit politischen Abarten."
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ISBN 978-3-8482-0629-2, Paperback, 288 Seiten 21,90 € beim [internet oder nicht] - BuchhändlerIn des Vertrauens
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Blick ins Buch
Schwabinger Krawalle 1962 / Julius Schittenhelm: Ich bin kein Volk S.85-86

Nach einer Woche, in der wir uns um die Ereignisse auf der Leopoldstrasse nicht gekümmert hatten, wollten wir auch mal wieder einen Kaffee und ein Bier im Schwabinger Nest geniessen. Es war ruhig auf dem Boulevard, die Tische standen draussen, kein besonders starker Verkehr. Friedlich redeten und tranken wir in der Abendsonne, als plötzlich gegen acht Uhr ein Pulk Bullen, hoch zu Ross, aus der Stadt kommend, auf den Fahrbahnen daher klapperte. Die Gehsteige waren wie leer gefegt, wir verzogen uns in das Café, der Wirt kurbelte die Scheibe hoch und schloss die Türe ab. Es wurde dunkel draussen, kein Mensch weit und breit, wie man durchs Fenster sehen konnte, aber irgendwie war die Situation bedrohlich. Wir wären längst heim gegangen, wenn wir nicht gefürchtet hätten, dadurch in Schwierigkeiten zu kommen.

Etwa um zehn Uhr erschien ein mit Lametta geschmückter Polizei‑Offizier vor der Türe und wurde eingelassen. Er sprach:"Meine Damen und Herren, wir müssen jetzt die Lokale an der Leopoldstrasse räumen. Sie haben freien Abzug. Gehen sie bitte im Gänsemarsch aus dem Lokal nach rechts und verlassen Sie durch die Trautenwolf‑Strasse den Bereich der Leopoldstrasse."

Was blieb uns übrig?! Schätzungsweise dreissig Gäste verliessen also, einer hinter dem anderen, das Nest in die angegebene Richtung. Als wir in die Seitenstrasse einbogen, erwarteten uns dort an die zwanzig Bullen, die eine Gasse bildeten und, während wir hindurch liefen, wie die Irren mit Knüppeln auf uns einschlugen. Ich ging zu Boden, meine Hose war zerrissen und Doktor Francke stellte am nächsten Tag zehn Blutergüsse an Kopf und Schultern fest. Eine Dienstaufsichts‑Beschwerde blieb trotz Einschalten eines Anwalts ohne Wirkung. Dodo bekam, vielleicht weil sie eine Frau ist, nicht so viel ab.

Dieses Ereignis liess mich nicht kalt, wie man sich vorstellen kann. Es war eine Demonstration des Obrigkeitsstaates, den ich überwunden glaubte, und ich vermutete folgerichtig, dass ein Grossteil der Polizei nach wie vor faschistoid sei. Ich wurde sozusagen schlagartig politisiert und verlor jedes Vertrauen zu Politik und Staat.


Musiker in Schwabing 1952 / Julius Schittenhelm: Ich bin kein Volk S.52-53

Bald hatten wir ausreichend viele Stücke eingeübt, um auftreten zu können und holten uns beim Schnelldienst Aufträge. Freitag und Samstag in der Pampa oder auch schon mal zur Aushilfe in einer Bar. Da passten wir besser hin. Absurderweise wurde ich quasi der Geschäftsführer des Trios.

Im Juli 1952 unterschrieb ich den ersten richtigen Engagements-Vertrag mit Anton Wimmer, dem Wirt des Pfälzer Hofes Ecke Haimhauser-Ursulastrasse. Der Job begann am ersten August. Tägliche Dienstzeit von 20.30 Uhr bis 2.00 Uhr, Gesamtgage DM 36,-, also DM 12,- pro Kopf, je ein ausreichendes warmes Abendessen und ein halber Liter Bier. Die Gage wurde jeden Abend ohne Abzug ausbezahlt.

Die Arbeit wurde gleich noch etwas kompliziert durch die Begleitung, die wir für Gisela Jonas einüben mussten, die Empfangsdame und Sängerin in der Wirtschaft. Ja, es war eine ganz normale Bierwirtschaft mit Küche, in der wir da in einer Ecke stehend spielten. Gisela trug einige Lieder, über den Abend verteilt, mit ziemlich dunkler, tiefer Stimme vor. Ich denke, dass viele Männer sie sehr erotisch fanden. "Schwabinger Laterne" war der Hit darunter und tatsächlich standen ja damals überall in Schwabing noch Gaslaternen, die jeden Abend mit langem Werkzeug angezündet wurden. Diese Art von Romantik ist, glaube ich, heutzutage nicht mehr vorstellbar.

Mein Leben gestaltete sich nun anstrengend. Tagsüber im Labor organisches Praktikum, ich erschien meistens gegen zehn Uhr. Gegen fünf Uhr abends war Schluss. Mit dem Fahrrad nach Englschalking, zwei Stunden Familie. Dann mit dem Fahrrad durch den Englischen Garten nach Schwabing, fünf Stunden fröhlich Gitarre spielen und singen. Zwei Uhr nachts nach Hause und ab halb drei pennen. Eigentlich ist es kein Wunder, dass Ursula das nicht besonders komisch fand. Andererseits konnten wir uns leisten, bei meinem früheren Schul-Kollegen Lothar Müller, der von seinem Vater ein Möbelgeschäft in der Maximilianstrasse geerbt hatte, einzukaufen und nach eigenen Vorstellungen das Wohn-Schlaf-Zimmer mit einem riesigen Spiegelschrank inklusive Spezialabteil für fünfzig Paar hochhackige Pumps, sowie mein "Arbeitszimmer" mit einem halbrunden Chef-Schreibtisch einrichten zu lassen. Das Ganze hauptsächlich teuer.


Osthessen 1982 - Unversehens im Kriegsgebiet
Julius Schittenhelm: Ich bin kein Volk S.197-198

Im ersten Jahr liessen wir uns Zeit mit der Renovierung unseres neu erworbenen Fachwerkhauses. Es ist ja auch kein Zuckerlecken, von "on the road" sofort auf biederes Handwerk umzuschalten. Ausserdem mussten wir uns zunächst "einleben", was gleich zum ersten Schock führte. Schliesslich hatten wir in München ein rein ziviles Leben geführt. Hier jedoch befanden wir uns im Frontgebiet des kalten Krieges, im "Fulda Gap", der Fulda-Senke, von der seitens der Nato angenommen wurde, dass sie der Einfall-Korridor sei, durch den ein sowjetischer Angriff nach Westen getragen würde.

So kam es, dass wir 1982 schon das Sommer-Manöver der US-Army hautnah mit bekamen, weil im Schloss Hallenburg, gleich neben uns im Schlosspark, eines der amerikanischen Hauptquartiere eingerichtet wurde und Jeeps, grössere Militär-Fahrzeuge und auch kleinere Panzer an unserem Haus vorbei hin und herum rumpelten. Einmal verirrte sich sogar eine Einheit mit grossen Tanks in unsere Strasse. Das Haus fing an zu wackeln als gäbe es ein Erdbeben. Wir sassen gerade in der "Stubb" im ersten Stock und der Typ im Panzerturm schaute mühelos bei uns ins Fenster.

Zweimal im Jahr wurden wir also zum Kriegsgebiet. Noch bedrohlicher war, dass nach und nach alle Strassen, auch die schmalsten Waldwege, mit immer drei hintereinander liegenden Löchern versehen wurden, deren Abdeckungen wie Kanaldeckel aussahen. Das waren Sprengschächte, die im "Ernstfall" die Strassen unpassierbar machen sollten, um die Bevölkerung daran zu hindern, aus dem Kampfgebiet zu entkommen, weil das die Militärs in ihren Bewegungen stören würde. In den Wäldern sah man an entlegenen Stellen Bunker, die heuchlerisch "Sperrmittelhäuser" genannt wurden. Dort lagerten die Sprengsätze, die gegebenenfalls in die Löcher gefüllt werden sollten. Darunter waren allerdings auch, statistisch über das ganze Gebiet verteilt, 144 "kleine" Atom-Sprengsätze mit je 0,5 Kilotonnen TNT Sprengkraft. Es ist klar, dass hier niemand einen Krieg überlebt hätte. Zwei besonders zynische Begleit-Erscheinungen will ich noch erwähnen: Es gab in den USA eine Kampagne mit dem Titel: "Visit Europe as long as it exists" und man konnte für sechs Dollar ein Brettspiel kaufen, das "Fulda Gap" hiess und mit dem das "War-Theater" um Europa, am Beispiel unserer Gegend, als Gesellschaftsspiel, wie Monopoly, gewürfelt werden konnte.

Natürlich schrieb ich, als ich das alles begriffen hatte, ein Lied über unsere Situation, Titel Fulda Gap Trap, ein Spottlied über Krieg, Militär, Strategie. 1984 brachten wir eine Single mit dem Titel heraus, auf deren Umschlag die Orte der Atom-Sprengsätze auf der Karte eingezeichnet waren.

Generäle sind bekanntlich superschlau
und sie wissen auch immer ganz genau,
wie man Kriege gewinnt, so dass der Feind verliert,
dass der Gegner spinnt und was er im Schilde führt ...